Herz aus dem Takt? Herzrhythmusstörungen beim Pferd

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Vielleicht hast Du es selbst schon erlebt oder bei anderen Pferdebesitzer:innen mitbekommen: bei einer tierärztlichen Untersuchung wird das Herz des betreffenden Pferdes auffällig lange abgehört und am Ende heißt es: „Das Herz schlägt nicht regelmäßig.“ Verständlicherweise bist Du dann erst einmal besorgt.

Oder Du bist Tierärztin oder Tierarzt und stehst immer mal wieder nach der Herzauskultation vor der Frage: „Ist das jetzt eine physiologische Rhythmusveränderung oder sollte ich zur weiteren Abklärung raten? Und wie finde ich es heraus?“

Daher geht es in diesem Artikel um folgende Fragen:

  • Was ist eine Herzarrhythmie?
  • Welche Herzrhythmusveränderungen gibt es beim Pferd?
  • Was unterscheidet physiologische (nicht krankhafte) Herzrhythmusveränderung von pathologischen (krankhaften) Rhythmusstörungen?
  • Ursachen, Anzeichen und Diagnose von Herzrhythmusstörungen beim Pferd
  • Behandlungsmöglichkeiten bei ausgewählten Arrhythmien
  • Welche Auswirkungen hat eine Herzarrhythmie auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit eines Pferdes?
  • usw.

Definition Herzarrhythmie

Eine Herzrhythmusstörung oder Herzarrhythmie liegt dann vor, wenn das Herz unregelmäßig, zu langsam oder zu schnell schlägt. Die normale Herzfrequenz in Ruhe liegt beim erwachsenen Pferd bei 28 bis 40 Schlägen pro Minute.

Veränderungen im Herzrhythmus sind nach Herzgeräuschen der zweithäufigste Grund, weshalb Pferde zur Herzuntersuchung vorgestellt werden. Ganz wichtig (ich kann es nicht oft genug betonen 😉) ist auch hier zunächst eine ausführliche Anamnese (d.h. ein möglichst gründliches Erfragen des Vorberichts) und eine eingehende klinische Untersuchung in Ruhe.

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Physiologische (= nicht krankhafte) Herzrhythmusveränderungen

Sehr viele gesunde Pferde zeigen in Ruhe, d.h. bei Herzfrequenzen im (unteren) Normalbereich sogenannte Bradyarrhythmien. Das sind Rhythmusstörungen, die mit einer verlangsamten Herztätigkeit einhergehen. Ursache dafür ist der beim Pferd starke Einfluss des Parasympathikus (Anteil des vegetativen Nervensystems, dessen Wirkung in Ruhe überwiegt). Dementsprechend müssen solche Arrhythmien bei Aufregung oder körperlicher Belastung mit entsprechendem Anstieg der Herzfrequenz über die Ruhefrequenz verschwinden. Die häufigste physiologische (nicht krankhafte) Rhythmusveränderung ist der sogenannte AV(Atrioventrikuläre)-Block 2. Grades, der beim Abhören durch regelmäßige „Aussetzer“ gekennzeichnet ist. Das heißt nach ein paar regelmäßigen Herzaktionen setzt ein Schlag aus, dies wiederholt sich in (relativ) regelmäßigen Abständen. Bei über 40 % der gesunden Pferde (unabhängig von Alter oder Trainingszustand) kann im Rahmen eines 24-Stunden-EKGs ein AV-Block 2. Grades festgestellt werden. Weitere physiologische Arrhythmien, die aber deutlich seltener auftreten, sind z.B. Sinusbradykardie, Sinusarrhythmie sowie Sinuatrialer Block.

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AV-Block 2. Grades

Pathologische (= krankhafte) Arrhythmien

Verschwinden Rhythmusstörungen bei steigender Herzfrequenz nicht, ist die Herzfrequenz in Ruhe dauerhaft zu hoch oder (seltener) zu niedrig, und zeigt das Pferd möglicherweise sogar Anzeichen einer Herzinsuffizienz (Herzschwäche), ist von einer pathologischen (krankhaften) Veränderung auszugehen. Dann ist eine zeitnahe (möglichst innerhalb weniger Tage) weiterführende Untersuchung inklusive EKG (in Ruhe, ggf. auch während und nach Belastung bzw. als Dauer-EKG) sowie Herzultraschall erforderlich. Auf keinen Fall darf ein Pferd mit solchen Symptomen bis zur weiteren Abklärung belastet werden! Es kann sich bei Verdacht auf eine pathologische Herzrhythmusstörung um eine potentiell lebensbedrohliche Erkrankung handeln. Das heißt, das Pferd könnte plötzlich kollabieren (kommt glücklicherweise nur in Einzelfällen vor).

Ursachen für pathologische Herzrhythmusstörungen können z.B. vergrößerte Vorhöfe oder Herzkammern (aufgrund von Klappenerkrankungen oder angeborenen Herzdefekten), akute oder chronische Veränderungen des Herzmuskels (entzündlich oder degenerativ), Störungen der Elektrolytkonzentrationen, Sauerstoffmangel oder auch toxisch wirkende Substanzen (körpereigene oder von außen zugeführt) sein. Es gibt aber auch gar nicht so selten Fälle, bei denen keine zugrundeliegende Ursache gefunden werden kann. Aufgrund der vielfältigen möglichen Auslöser sollte immer eine vollständige klinische Untersuchung erfolgen. Durch Erfragen des Vorberichts sollte versucht werden, den Zeitpunkt des ersten Auftretens einer Herzarrhythmie ungefähr herauszufinden.

Vorhofflimmern

Die häufigste pathologische Rhythmusstörung beim Pferd ist das Vorhofflimmern. Dabei kommt es zu einer sogenannten „kreisenden Erregung“ im Bereich der Vorhöfe, die normale Vorhofkontraktion fehlt und es entsteht ein sehr unregelmäßiger Herzrhythmus. Dieser stellt sich beim Abhören als chaotische Arrhythmie dar. Auch der fühlbare Puls ist charakteristisch unregelmäßig und ungleichmäßig. Das Vorhofflimmern kann ein Zufallsbefund sein, gerade bei nur leicht oder moderat belasteten Tieren. Häufig zeigt das Pferd jedoch auch einen gewissen Leistungsabfall, in einigen Fällen zeigen sich Symptome einer Herzinsuffizienz.

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Vorhofflimmern

Therapie des Vorhofflimmerns

Da das Vorhofflimmern die häufigste relevante Herzarrhythmie bei Pferden ist, gehe ich hier noch etwas auf die Behandlung ein: es stehen zwei verschiedene Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Zum einen kann medikamentös mittels Chinidin behandelt werden. Das sollte auf alle Fälle unter kontinuierlicher Intensivüberwachung (auch mittels Dauer-EKG) passieren, da das Medikament so dosiert werden muss, dass teilweise erhebliche unerwünschten Arzneimittelwirkungen auftreten. Zum anderen besteht die Möglichkeit einer transvenösen elektrischen Kardiokonversion. Dabei werden spezielle Herzkatheter über die Halsvene bis ins Herz vorgeschoben und anschließend unter Vollnarkose mittels Elektroschocks versucht, den Sinusrhythmus (normaler Herzrhythmus) wieder herzustellen. Diese Therapie wird nur in wenigen spezialisierten Kliniken (z.B. Universitätspferdekliniken in Belgien und in der Schweiz) angeboten. Bei beiden Behandlungsformen kann ein erfolgreicher Ausgang nicht garantiert werden. Die Prognose hängt von der Dauer des Vorhofflimmerns, von der Ruhe-Herzfrequenz und von den mittels Herzultraschall (Echokardiographie) erfassten Veränderungen am Herzen ab: eine Dauer von unter 3 Monaten (deshalb ist der Vorbericht wie oben erwähnt so wichtig), keine oder eine nur mäßige Erhöhung der Herzfrequenz in Ruhe (< 60/Minute) sowie höchstens leicht vergrößerte Vorhöfe sprechen für eine relativ gute Prognose. Allerdings muss auch in diesen Fällen mit einer Rezidivrate von ca. 25-30 % gerechnet werden, d.h. bei mindestens einem Viertel der erfolgreich behandelten Pferde tritt das Vorhofflimmern erneut auf. Wenn die Pferde im Sinusrhythmus bleiben, sind sie aber in der Regel wieder voll leistungsbereit.

Weitere Herzrhythmusstörungen

Natürlich kommen beim Pferd auch weitere krankhafte Herzrhythmusstörungen vor, allerdings deutlich seltener als das Vorhofflimmern. Dazu zählen z.B. Extrasystolen (Herzschläge, die zusätzlich zu den normalen Herzaktionen auftreten), die im Bereich der Vorhöfe (supraventrikulär) oder im Bereich der Herzkammern (ventrikulär) entstehen können und sowohl vereinzelt, gehäuft oder in Salven (mehrere direkt aufeinanderfolgend) auftreten können. Selten werden auch gravierende Störungen der Erregungsleitung, wie ein AV-Block 3. Grades festgestellt, bei dem die Überleitung der Erregung von den Vorhöfen auf die Kammern komplett unterbrochen ist.

Die aufgezählten Herzrhythmusstörungen können ganz unterschiedliche Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit, das Risiko bei einer Belastung und die Lebenserwartung eines Pferdes haben. Auch die Therapieoptionen sind je nach Befund und vor allem auch je nach individuellem Fall sehr unterschiedlich. Sollte daher bei deinem eigenen Pferd oder bei einem deiner Patienten der Verdacht auf eine pathologische Herzrhythmusstörung bestehen, ist erst einmal eine gründliche weiterführende Diagnostik angebracht.

Diagnostische Aufarbeitung von Herzrhythmusstörungen

Dazu gehört neben Anamnese und gründlicher klinischer Untersuchung (ja, ich wiederhole mich 😉, aber nicht ohne Grund) mindestens ein Ruhe-EKG, je nach Befund und Fragestellung ggf. auch ein Langzeit-EKG und/oder ein Belastungs-EKG. Bei Verdacht auf einen physiologischen AV-Block 2. Grades reicht es mit etwas Erfahrung ggf. auch den Patienten zu belasten, um zu überprüfen, ob der Herzschlag bei höherer Frequenz regelmäßig wird. Bei anderen Fragestellungen ist evtl. ein richtiger Belastungstest mit Bestimmung der Wiederberuhigungszeit nötig, d.h. nach einer angemessenen Belastung des Pferdes wird die Zeitspanne bis zum Wiedererreichen der Ruheherzfrequenz ermittelt.

Und bei Herzarrhythmien vielleicht nochmal wichtiger als bei einem Herzgeräusch ist die Frage: sind bereits in Ruhe Anzeichen einer Herzinsuffizienz feststellbar? Solche Anzeichen können sein: Leistungsabfall, Mattigkeit, Ödeme (Wassereinlagerungen) an Unterbrust und Unterbauch, eine Pulsation im Bereich der Halsvenen oder auch gestaute Venen, eine angestrengte Atmung, Husten oder Gewichtsverlust. Gerade bei einer akut aufgetretenen Herzrhythmusstörung zeigen die Pferde teilweise auch Anzeichen von Unwohlsein oder Koliksymptome und in einzelnen Fällen kommt es zum Kollabieren.

Dann darf ein Pferd natürlich auf keinen Fall belastet werden! Und ich würde auch noch darüber hinaus empfehlen: wenn nicht klar ist, ob es sich um eine pathologische Arrhythmie handelt oder die Rhythmusstörung evtl. aufgrund eines akuten Problems wie einer Herzmuskelentzündung aufgetreten ist, sollte immer erst eine komplette weiterführende Diagnostik erfolgen, bevor ein Belastungstest gemacht wird. So kann ich im besten Fall verhindern, dass z.B. eine weitere Schädigung des Herzmuskels erfolgt.

Da die Ursachen für eine Arrhythmie vielfältig sein können, ist nicht nur beim Vorhofflimmern, sondern auch bei anderen Befunden eine Echokardiographie angezeigt, sowie labordiagnostische Untersuchungen (unter anderem zur Bestimmung von Entzündungsparametern, Elektrolyten und Troponin I).

Zusammenfassung und Fazit:

  • Physiologische, d.h. nicht krankhafte Veränderungen des Herzrhythmus sind viel häufiger als pathologische Arrhythmien. Die häufigste ist der AV-Block 2. Grades.
  • Die häufigste pathologische Arrhythmie beim Pferd ist das Vorhofflimmern.
  • Vorbericht und klinische Untersuchung sind essentiell für eine erste Einschätzung, ob es sich um eine pathologische Herzrhythmusstörung handeln könnte.
  • Das EKG ist die wichtigste weiterführende Maßnahme, um die Herzrhythmusstörung eindeutig zu diagnostizieren.
  • Symptome einer Herzschwäche treten beim Pferd in der Regel erst sehr spät auf, d.h. bei gravierenden Veränderungen oder – gerade im Fall von pathologischen Arrhythmien eben auch von einem Moment auf den anderen. Daher sollte in allen Fällen, die klinisch nicht eindeutig sind, eine weitere Abklärung erfolgen. So kann das Risiko für Pferd und Reiter:in minimiert werden.
  • Das Gute zum Schluss: in sehr vielen Fällen sind Auffälligkeiten im Herzrhythmus beim Pferd Zufallsbefunde ohne klinische Auswirkungen.

Hast Du konkrete Fragen zu Herzarrhythmien beim Pferd, vielleicht weil dein Pferd oder einer deiner Patienten betroffen ist? Dann schreib mir gerne eine Mail!
Oder hol Dir die Checkliste "Hat mein Pferd ein Herzproblem?" für Pferdebesitzer:innen.

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