Was dahintersteckt und warum Du es ernst nehmen solltest
Letzte Woche kam ich zu einem Patienten und stand einer Pferdebesitzerin gegenüber, die ziemlich besorgt war, ein bisschen entrüstet fast, und mit vielen Fragen, die ich so oder so ähnlich schon oft gehört habe. Ihre Tierärztin hatte ihr nach der Untersuchung ein paar Tage zuvor gesagt, dass sie das Herz ihres Pferdes schnell weiterführend untersuchen lassen soll, und bis dahin am besten nicht mehr reiten. Ihr Pferd wirkte aber topfit. Kein Leistungsabfall, keine Auffälligkeiten, nichts. Und trotzdem hat die Tierärztin gesagt: Erstmal nicht mehr in den Sattel, bis die Herzabklärung gemacht ist.
Ich verstehe die Sorge und Verwunderung, denn häufig kommt so etwas völlig unerwartet. Meist ist das Pferd so wie immer, und bei einer Routineuntersuchung fällt doch plötzlich etwas am Herzen auf. Und deshalb schreibe ich diesen Artikel, um die Hintergründe etwas aufzuklären.
Inhaltsverzeichnis
Ein Herz, das sehr leistungsfähig ist – und gerade deshalb kann ein auffälliger Befund (vorerst) zum Reitverbot führen
Das Pferdeherz ist ein außergewöhnliches Organ. In Ruhe schlägt es mit etwa 28–40 Schlägen pro Minute – deutlich langsamer als unser Menschenherz. Bei maximaler Belastung, zum Beispiel im Rennen, kann die Herzfrequenz auf bis zu 240 oder sogar 250 Schläge pro Minute gesteigert werden. Auch das eine riesige Spanne im Vergleich zu uns Menschen. Zudem haben Pferde ein besonders großes Herzminutenvolumen (Herzminutenvolumen = wie viel Blut das Herz pro Minute durch den Körper pumpt). Diese Eigenschaften machen das Pferdeherz zu einer der leistungsfähigsten Pumpen im Tierreich. Und genau das führt zum nächsten Punkt:
Weil das Pferdeherz so leistungsfähig ist, kann es Erkrankungen teilweise sehr lange kompensieren. Es passt sich an, schlägt möglicherweise in Ruhe etwas schneller als zuvor, macht also still und heimlich mehr, ohne dass wir dem Pferd von außen etwas anmerken. Bis die Erkrankung so weit fortgeschritten ist, dass es das irgendwann nicht mehr ausgleichen kann. Für Dich als Besitzer:in wirkt das Pferd bis zu diesem Punkt oft wie immer: fit, motiviert, unauffällig. Natürlich hängt das auch vom Belastungsgrad ab. Ein Großteil unserer Freizeitpferde, aber auch der Dressur- und Springpferde auf moderatem Level erreichen keine Belastungsintensitäten, die das Herz deutlich beanspruchen würden.
Dazu ein vielleicht etwas gemeiner Einschub: wenn ich im Rahmen einer Herzuntersuchung einen Belastungstest oder ein Belastungs-EKG mache, kommen in sehr vielen Fällen eher die Besitzer:innen an ihre Leistungsgrenze als das Pferd. Die Herzfrequenz und das EKG zeigen dann oft, dass das Herz noch ordentlich Luft nach oben hätte. 😉
Aber um das oben geschriebene nochmal auf den Punkt zu bringen: wenn Du Deinem Pferd eine Herzerkrankung eindeutig anmerkst, dann ist sie auf jeden Fall schon sehr weit fortgeschritten oder aber – bei einer akuten Erkrankung – ziemlich schwerwiegend.
Drei Sätze, die ich häufig höre – und warum sie trügen können
„Mein Pferd ist topfit, da kann gar nichts sein.“ Das klingt logisch, ist aber leider kein Argument. Gerade weil das Herz so gut kompensiert, merkt man von außen oft nichts – auch dann nicht, wenn es bereits kritisch ist.
„Ich würde es merken. Ich kenn’ mein Pferd.“ Ich zweifle nicht daran, dass Du Dein Pferd gut kennst. Aber Herzprobleme beim Pferd zeigen sich oft lange Zeit nicht im Verhalten, nicht in der Kondition, nicht beim Reiten.
„Das Herzgeräusch ist schon lange da und bisher war das nie ein Problem.“ Das stimmt – meistens. Viele Herzgeräusche beim Pferd sind harmlos und die zugrundeliegende Ursache verändert sich über Jahre nicht oder nur kaum. Aber das ist leider nicht immer so. Und das ist der entscheidende Punkt.
Warum ein Reitverbot im Zweifelsfall sinnvoll ist
Wenn Deine Tierärztin oder Dein Tierarzt also sagt „Setz Dich bitte erstmal nicht mehr drauf“ – dann steckt dahinter mehr als Vorsicht um des Pferdes willen. Sie haben auch Dich im Blick. Denn ein Pferd, das unter dem Sattel kollabiert, bringt den Menschen, der obendrauf sitzt, in ernste Gefahr. Das ist keine Theorie, sondern etwas, das ich leider schon erlebt habe. Zwar glücklicherweise nicht oft, aber es kommt immer wieder vor. Erst vor ein paar Monaten hatte ich wieder so einen Fall, der bestätigt hat, dass es nicht übertrieben ist, lieber einmal mehr zu untersuchen.

Ein Fall der bestätigt, wie wichtig eine gründliche Herzuntersuchung ist
Morgens früh klingelte mein Praxistelefon. Eine Besitzerin, auf dem Weg zum Stall. Ihr Pferd war gerade zusammengebrochen – ganz plötzlich beim Rausbringen auf die Koppel. Kurz darauf hat sie mir mitgeteilt, dass auch die sofort hinzugerufene Haustierärztin nichts mehr machen konnte.
Für sie war es ein Schock – für mich natürlich in dem Moment auch. Aber völlig überraschend kam es nicht, weil wir beide wussten, dass dieses Risiko bestand.
Das Pferd, war sechs Monate zuvor mit einem Zufallsbefund zu mir gekommen: ein Herzgeräusch, beim Impfen aufgefallen. Im Herzultraschall zeigte sich eine erhebliche Aortenklappeninsuffizienz – das heißt die Aortenklappe schloss nicht mehr richtig und relativ viel Blut floss zurück in die falsche Richtung. Die linke Herzkammer war bereits vergrößert, das Pferd selbst nach wie vor topfit, keinerlei Symptome.
Das erste Belastungs-EKG (ein EKG unter körperlicher Anstrengung) war unauffällig – grünes Licht zum Weiterreiten, aber mit engmaschigen Kontrollen, denn der Befund hatte sich laut Vorbericht relativ schnell auf dieses Stadium entwickelt. Das wussten wir, weil es aus anderen Gründen relativ häufig abgehört worden war.
Drei Monate später die Nachkontrolle. Der Ultraschall relativ stabil, aber mit Tendenz zur weiteren Vergrößerung der linken Herzkammer. Dann das Belastungs-EKG: ventrikuläre Extrasystolen – zusätzliche Herzschläge aus den Herzkammern, die mit steigender Anstrengung häufiger wurden. In diesem Moment war klar: nicht mehr reiten, das Risiko war einfach zu hoch.
Das Pferd war zu diesem Zeitpunkt fit, keinerlei Auffälligkeiten von außen bemerkbar. Und trotzdem kam es nur wenige Monate später zu dem oben beschriebenen Zwischenfall. Glücklicherweise saß niemand mehr im Sattel, weil der Befund engmaschig überwacht worden war.
Noch ein Gedanke, der mir wichtig ist
Ich höre gelegentlich: „Da sitzt doch nur meine zehnjährige Tochter drauf, die ist doch leicht, das ist nicht anstrengend fürs Pferd.“ ABER: Gerade bei Kindern und Reitbeteiligungen, besonders Minderjährigen, tragen wir als Tierärzt:innen und Du als Besitzer:in eine besondere Verantwortung. Und von daher ist eine gründliche Herzuntersuchung gerade bei Pferden und Ponys, die von Kindern und Jugendlichen geritten werden, nochmal eine Nummer wichtiger. Und in vielen Fällen kann nach einer solchen Abklärung ja auch Entwarnung gegeben werden, sodass ein Reitverbot aus Vorsicht oft gar nicht dauerhaft bestehen bleiben muss. Dafür braucht’s aber in der Regel eine Herzultraschalluntersuchung und/ oder ein EKG, gegebenenfalls auch unter Belastung.

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Das Gute – und das ist mir wichtig zu sagen
Wenn ein Herzgeräusch oder eine Herzrhythmusstörung aufgefallen ist, ergibt eine gründliche Herzabklärung natürlich nicht selten einen Befund. Aber ein dauerhaftes Reitverbot ist nach der eingehenden Untersuchung eher die Ausnahme, nicht die Regel. Viele Pferde mit Herzklappeninsuffizienzen oder auch mit bestimmten Herzrhythmusstörungen werden damit ganz normal alt und bleiben bis zum Schluss reitbar – oder werden irgendwann aus ganz anderen gesundheitlichen Gründen nicht mehr reiterlich genutzt, nicht wegen ihres Herzens.
Regelmäßige Kontrollen sind dann aber oft nötig, um ein Fortschreiten rechtzeitig zu bemerken. Dann können wir entsprechend reagieren und relativ sicher sein, dass es nicht zu unvorhergesehenen Zwischenfällen kommt. Zum Schutz Deines Pferdes, aber auch zu Deinem eigenen Schutz.
Hast Du Fragen zu einem auffälligen Befund am Herzen bei Deinem Pferd? Schreib mir gern eine Mail oder vereinbare direkt einen Termin – und ich schaue es mir an. 😊
Häufige Fragen aus der Praxis
Zum Abschluss noch ein paar Antworten auf Fragen, die mir immer wieder gestellt werden:
Mein Pferd ist doch völlig fit. Warum darf ich es nach dem Abhören nun nicht mehr reiten?
Vermutlich hat die tierärztliche Untersuchung eine Auffälligkeit am Herzen ergeben, die erst einmal abgeklärt werden sollte. Um sicherzugehen, dass Euch nichts passiert, hat Deine Tierärztin bzw. Dein Tierarzt entschieden, dass Du bis zur Abklärung nicht reiten solltest.
Ich mache mir Vorwürfe, warum hab ich denn nichts bemerkt?
Sofern es sich nicht um eine schwerwiegende Herzerkrankung handelt, kann das Pferdeherz Veränderungen sehr gut und lange kompensieren. Daher gibt es häufig gar keine Anzeichen, die Du von außen hättest bemerken können.
Darf ich mein Pferd vielleicht nie mehr reiten?
Das hängt vom endgültigen Befund der eingehenden Herzuntersuchung ab. Aber in der Mehrzahl der Fälle bringt diese Entwarnung, und das Pferd kann ganz normal weiter geritten werden. Eventuell sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen nötig.


