Nahaufnahme Pferdeauge eines alten Pferdes – ruhiger Blick, ergrautes Fell um das Auge

Mein Pferd wird alt – worauf sollte ich achten?

Du bemerkst vielleicht Veränderungen, bei denen Du Dir nicht sicher bist, ob es einfach normale Alterserscheinungen sind oder ob sie auf eine Erkrankung hinweisen könnten? Du bist Dir unsicher, ob Du etwas umstellen solltest in der Fütterung oder Haltung? Du möchtest einfach alles tun, was Du kannst, damit es Deinem geliebten Vierbeiner möglichst lange gut geht und Ihr eine entspannte Zeit miteinander genießen könnt? All das sind Fragen, die ich in den folgenden Abschnitten aufgreifen werde.

Und zwar aus meiner Sicht als Pferdeinternistin, die genau diese Fragen seit mittlerweile über 20 Jahren immer wieder gestellt bekommt. Auch ein Großteil meiner aktuellen Patienten gehört eher zu den älteren Semestern. Oder aber zu denjenigen, die an chronischen Erkrankungen leiden. Aber dazu werde ich demnächst vermutlich noch einen gesonderten Artikel schreiben.

Wie Du Anzeichen altersbedingter Krankheiten frühzeitig erkennst und was Du tun kannst, damit Dein Pferd möglichst gesund alt wird.

Wann ist ein Pferd überhaupt alt?

Was heißt denn nun „mein Pferd wird alt“? Gibt es da eine definierte Grenze, ab wann ein Pferd als alt bezeichnet wird? Wenn man danach sucht, findet man häufig die Angabe, dass Pferde ab einem Alter von 20 Jahren alt sind. Allerdings werden viele unserer Vierbeiner heutzutage sogar an die 30 oder noch älter, und das zum Teil bei ziemlich guter Gesundheit. Daher sollte meiner Meinung nach jedes Pferd individuell betrachtet werden: da spielen Faktoren wie die Rasse mit rein. So werden Ponys teilweise deutlich älter als zum Beispiel Warmblüter. Erst vor kurzem habe ich einen 42-jährigen Isländer getroffen. Warmblüter sind mit 30 oder knapp darüber in der Regel schon sehr alt.

Auch der allgemeine Gesundheitszustand hat einen Einfluss: so kann ein 13-jähriges Pferd, das aus einer schlechten Haltung kommt oder an einer chronischen Krankheit leidet, körperlich deutlich älter aussehen als ein top gemanagtes Pferd ohne gravierende Vorerkrankungen, das Mitte 20 ist.

Wenn wir ein wenig in die Fachliteratur schauen und nach Studien suchen zu häufigen altersbedingten Erkrankungen beim Pferd, wird die Grenze oft deutlich früher angesetzt: nämlich bei ca. 15 Jahren. Und das macht aus medizinischer Sicht auch durchaus Sinn, denn die Anzeichen einiger altersbedingter oder chronischer Probleme treten oft in diesem Alter erstmals auf oder werden ausgeprägter. Und wenn wir an die Früherkennung denken, ist es meines Erachtens sinnvoll, bereits ab diesem Alter aufmerksam hinzuschauen, was uns zum nächsten Punkt führt …

Krankheitsanzeichen frühzeitig erkennen

Warum ist es denn wichtig, altersbedingte Erkrankungen möglichst frühzeitig zu erkennen? Vermutlich hast Du ja auch schon mitbekommen, dass es Krankheiten bei älteren Pferden gibt, die gar nicht vollständig heilbar sind. Sprich, Du bzw. Dein Pferd, Ihr müsst damit halt irgendwie klarkommen.

Ja, ABER: bei einigen Erkrankungen älterer Pferde kann eine möglichst frühzeitige Erkennung, d.h. bevor überhaupt deutliche oder belastende Symptome da sind, gefolgt von einem optimalen Management dazu führen, den weiteren Verlauf definitiv positiv beeinflussen. Eine entsprechende Therapie und – und das ist mir ganz wichtig – Dein Management können bewirken, dass Dein Pferd durch die Krankheit so wenig wie möglich eingeschränkt ist, im Optimalfall sogar symptomfrei. Und – und das ist das 2. wichtige Argument – dass Folgeerscheinungen oder -erkrankungen im besten Fall verhindert werden. Darauf gehe ich weiter unten am Beispiel von PPID noch genauer ein.

Normale altersbedingte Veränderungen

Was sind denn nun typische „normale“ Anzeichen, dass Dein Pferd so langsam älter wird? Graue Haare, vor allem im Kopfbereich gehören bei vielen Pferden dazu, tiefere Gruben über den Augen, ein etwas geringerer Muskeltonus und eventuell eine leicht hängende Unterlippe oder ein leichter Senkrücken. Manche Pferde – aber nicht alle 😉 – werden etwas ruhiger und gelassener. Andere Symptome wie zum Beispiel ein steiferer Gang, Abbau von Muskulatur oder Gewichtsverlust sind zwar relativ unspezifisch, aber meist Ausdruck einer zugrundeliegenden Erkrankung.

Dunkelbraunes altes Pferd auf der Weide mit grauen Haaren, hängender Unterlippe – sichtbare altersbedingte Veränderungen

Häufige altersbedingte Probleme beim Pferd

Und damit kommen wir zu den häufigsten altersbedingten Problemen. Studiert man die Statistiken, so finden sich ganz weit vorne Zahnprobleme (in mehreren Studien bei 95% aller Pferde über 15 Jahren) und orthopädische Erkrankungen (Lahmheiten, Einschränkungen des Bewegungsradius von mindestens einem Gelenk oder Hufveränderungen). Der häufigste Grund für eine Klinikeinweisung bei älteren Pferden ist aber ein Problem im Bereich der Verdauungsorgane, d.h. sehr häufig eine Kolik. Wobei die häufigsten Kolikursachen bei den Seniorpferden Abschnürungen des Dünndarms durch ein Lipom (ein gestielter gutartiger Tumor) oder Verstopfungen des Dickdarms sind.

Aus internistischer Sicht relevant sind neben Problemen im Bereich des Magen-Darm-Trakts folgende Symptome oder Symptomkomplexe, die ebenfalls recht häufig vorkommen bei über 15-jährigen Pferden:

  • Herzgeräusche
  • Anzeichen von Atemwegserkrankungen wie Husten, Nasenausfluss, Auffälligkeiten beim Abhören der Lunge
  • Haut- und Fellveränderungen, zahlenmäßig an erster Stelle stehen hier Hirsutismus (krankhaft verstärkter Haarwuchs und Fellwechselstörungen

Auch Veränderungen der Augen und der Sehfähigkeit kommen recht häufig vor. Zudem berichten befragte Pferdebesitzer:innen regelmäßig von Müdigkeit und mangelnder Leistungsfähigkeit.

Außerdem interessant: eine erstaunlich große Zahl älterer Pferde ist zu dick, nur relativ wenige sind Studien zufolge tatsächlich abgemagert. Dies kommt dann allerdings in sehr weit fortgeschrittenem Alter häufiger vor.

Was in mehreren großen Untersuchungen aufgefallen ist: ein hoher Anteil der Pferdebesitzer:innen hat bereits bestehende Krankheitsanzeichen nicht bemerkt oder vielleicht einfach als normale Anzeichen des Alterungsprozesses angesehen. Dadurch werden Erkrankungen teilweise erst spät behandelt und Folgeerscheinungen sind bereits eingetreten. Umso wichtiger ist es mir, das Bewusstsein für diese Dinge zu schärfen und Dir Tipps mitzugeben, damit Du sicher erkennen kannst, ob Dein Pferd eventuell bereits subtile Krankheitsanzeichen zeigt und medizinische Unterstützung braucht.

Häufige Erkrankungen älterer Pferde aus internistischer Sicht

In diesem Abschnitt möchte ich kurz auf einige häufige Krankheiten älterer Pferde eingehen, die zu den oben genannten Symptomen führen können. Und noch ein paar seltenere zumindest erwähnen, wobei dazu meist viel weniger Infos zu finden sind.

PPID

PPID steht für Pituitary Pars Intermedia Dysfunction, auch bekannt unter dem älteren Begriff Equines Cushing Syndrom, kurz Cushing. Durch eine gutartige Vergrößerung eines Teils der Hirnanhangsdrüse kommt es zu Veränderungen in der Hormonausschüttung und dadurch zu den typischen Symptomen. Dazu gehören ganz klassisch ein längeres und zum Teil gewelltes Fell, Probleme im Fellwechsel, Muskelabbau, Gewichtsverlust, vermehrter Harnabsatz und vermehrtes Trinken sowie oft auch Hufrehe.

13-45 % aller Pferde über 15 Jahren – je nach Untersuchung – zeigen eins oder mehrere dieser Anzeichen. Zu Beginn sind die Symptome oft eher dezent ausgeprägt, im weiteren Verlauf werden sie deutlicher. An der oben genannten Altersgrenze siehst Du, dass es wichtig ist, bereits bei Pferden ab 15 Jahren aufmerksam auf Symptome von PPID zu achten. Denn gerade diese Erkrankung ist ein gutes Beispiel dafür, wie wertvoll Früherkennung ist. Bei adäquater Behandlung kann ich zahlreiche Folgeerscheinungen minimieren oder sogar verhindern. Und gerade diese Folgeerscheinungen einer PPID zu einer verkürzten Lebenserwartung führen. Und nicht die Grunderkrankung an sich.

Equines Asthma

Equines Asthma ist der aktuelle Fachbegriff für ein Krankheitsbild, das unter zahlreichen anderen Namen bekannt ist bzw. war. Zum Beispiel COB (= Chronisch Obstruktive Bronchitis), RAO (= Recurrent Airway Obstruction) oder IAD (= Inflammatory Airway Disease). Ursprünglich (bis ca. ins Jahr 2000) wurde auch der Begriff COPD verwendet (= Chronic Obstructive Pulmonary Disease). Umgangssprachlich werden betroffene Pferde häufig auch als „Allergiker“ bezeichnet, obwohl es sich bei der Erkrankung in der Regel um ein multifaktorielles Geschehen handelt, d.h. es gibt mehrere Faktoren die letztendlich zusammenkommen und den Krankheitsprozess auslösen bzw. aufrechterhalten. Was wir ganz sicher wissen: Stallhaltung mit Stroheinstreu und Fütterung von Heu und die dadurch bedingte Staubbelastung ist der wichtigste Faktor.

Natürlich kommt Equines Asthma nicht nur bei alten Pferden vor, aber die Häufigkeit und der Schweregrad nehmen mit zunehmendem Alter deutlich zu. Und auch hier wieder wichtig: frühzeitiges Eingreifen in Form einer optimierten und möglichst staubarmen Haltung und Fütterung, kann die Pferde im besten Fall symptomfrei halten, aber zumindest einer kontinuierlichen Verschlechterung durch irreversible Umbauprozesse im Lungengewebe vorbeugen.

Die Anzeichen von Equinem Asthma reichen von reinem Leistungsabfall bei milden Formen über sporadischen Husten v.a. zu Beginn der Bewegung und eine leichte Bauchatmung bis hin zu starkem Husten und Atemnot und damit auch deutlich gestörtem Allgemeinbefinden bei hochgradigem Equinen Asthma.

Herzprobleme

Herzerkrankungen können natürlich grundsätzlich in jedem Alter auftreten, werden aber mit zunehmendem Alter deutlich häufiger. Vor allem Insuffizienzen der Herzklappen nehmen bei Pferden ab 15 Jahren statistisch gesehen stark zu. D.h. die betroffene Herzklappe (oder auch mehrere) schließt nicht mehr richtig.

Warum tritt das bei älteren Pferden häufiger auf? Weil das Gewebe mit zunehmendem Alter einfach nicht mehr so elastisch ist, daher sprechen wir von degenerativen Veränderungen. Auch ist die Wahrscheinlichkeit mit höherem Alter größer, dass es im Lauf der Jahre vielleicht einmal zu einer Entzündung an den Herzklappen gekommen ist. Das wiederum hinterlässt vernarbtes Gewebe und kann so auch dazu führen, dass eine Herzklappe nicht mehr vollständig schließt. Eine solche Entzündung kann auch mal subklinisch ablaufen, d.h. äußerlich ist dem Pferd eventuell gar nichts anzumerken.

Eine Herzklappeninsuffizienz kann ganz harmlos sein, wenn sie klein ist und bleibt und damit keine oder kaum Auswirkungen auf das gesamte Herz hat. Sie ist dann lediglich durch ein Herzgeräusch bemerkbar. Je nach Klappe und Schweregrad der Undichtigkeit kann es jedoch im Lauf der Zeit auch zu einer Belastung des gesamten Herzens und schließlich zur Herzschwäche kommen. Dann – und leider wirklich erst dann – zeigt das Pferd typische Anzeichen wie Leistungsabfall, Mattigkeit, Wassereinlagerungen unter der Brust und unter dem Bauch und in schweren Fällen kann es sogar kollabieren.

Das macht deutlich, wie wichtig auch hier eine frühzeitige Diagnostik ist – auch wenn dem Pferd vielleicht gar nichts anzumerken ist außer eben einem Herzgeräusch beim Abhören. Und dass eine solche Erkrankung nicht nur für das Pferd, sondern auch für die Menschen obendrauf oder drumherum gefährlich werden kann.

Tierärztin beim Abhören des Herzens bei einem gescheckten Pony

Von Abmagerung bis Zahnprobleme (Erkrankungen im Bereich des Verdauungsapparats)

Der Magen-Darm-Trakt oder Verdauungsapparat reicht buchstäblich von ganz vorne bis ganz hinten, d.h. von der Maulhöhle und den Zähnen bis hin zum Enddarm und After. Entsprechend vielfältig sind hier auch die möglichen Krankheitsbilder. Und ja, auch in diesem Bereich gibt es so einige Probleme, die bei älteren Pferden zumindest häufiger auftreten. Studien belegen, dass Probleme der Verdauungsorgane mit großem Abstand vorne liegen. Auch wenn man schaut, woran ältere Pferde irgendwann sterben. Ein paar dieser Probleme will ich beispielhaft herausgreifen…

Zahnprobleme

Je nach Quelle haben bis zu 96% aller Pferde über 15 Jahren Probleme mit den Zähnen. Natürlich in ganz verschiedenen Abstufungen. Auf die Art der Zahnprobleme werde ich hier nicht im Detail eingehen, da das nicht zu meinem Kernarbeitsgebiet als Internistin gehört. 😉 Da gibt es viele nette und sehr kompetente Kolleg:innen, die das viel besser können. Aber Probleme mit den Zähnen können andere Probleme nach sich ziehen, die dann häufig wieder internistischer Natur sind. Grundsätzlich sind bei älteren Pferden häufig eine engmaschigere Kontrolle der Zähne oder auch eine entsprechend angepasste Fütterung sinnvoll, um Folgeproblemen vorzubeugen.

Abmagerung

Eine mögliche Folge von Zahnerkrankungen und damit evtl. einhergehender schlechterer Futterzerkleinerung ist Gewichtsverlust, teilweise bis zur Abmagerung. Hier sollte auf alle Fälle genau hingeschaut werden. Mögliche Anzeichen, die Du als Pferdebesitzer:in bemerken kannst, sind Auffälligkeiten beim Fressen: ein betroffenes Pferd frisst eventuell langsamer, lässt vielleicht Futter liegen (v.a. Raufutter wie Heu) oder „kaut Wickel„. Das heißt, es spuckt eingespeichelte Röllchen aus nicht zerkleinertem Heu wieder aus. Wenn die Schneidezähne betroffen sind, kann es z.B. keine Karotten mehr abbeißen, weil das Schmerzen verursacht. Bei entzündeten Zähnen kann es zu einseitigem, meist ziemlich unangenehm stinkenden Nasenausfluss kommen. Und wie so oft in der Medizin kann ein gesundheitliches Problem zum nächsten führen: durch eine schlechte Zerkleinerung des Futters werden z.B. Verstopfungskoliken begünstigt, es kann zu Schlundverstopfungen kommen, oder auch zu Symptomen wie Kotwasser.

Aber natürlich ist Abmagerung ein sehr unspezifisches Symptom und kann auch durch andere Grunderkrankungen hervorgerufen werden. So können diverse Probleme, die chronische Schmerzen verursachen, zu Gewichtsverlust führen. Aber auch seltener vorkommende schwere Leber- oder Nierenkrankheiten oder Tumorerkrankungen, die ebenfalls bei älteren Pferden statistisch gesehen häufiger auftreten. Und sogar bei fortgeschrittenen Herzproblemen oder Erkrankungen der Lunge ist Abmagerung eins der Symptome.

Daher ist es ganz besonderes wichtig, ein solches Pferd immer im Gesamten anzuschauen und sich nicht direkt auf das vermeintlich offensichtliche zu stürzen.

Kolik

Koliken, also Schmerzen im Bauchraum sind in allen Altersgruppen gefürchtet und bei unseren Pferden ein häufig auftretendes Problem. Einige Kolikformen kommen bei älteren Pferden häufiger vor: nämlich Verstopfungskoliken begünstigt durch Zahnprobleme. Zum einen durch eine schlechtere Zerkleinerung des Futters, aber auch durch eine ungenügende Wasseraufnahme. Vielleicht hast Du das selbst schonmal erlebt: empfindliche oder schmerzende Zähne und kaltes Wasser vertragen sich gar nicht gut.

Eine weitere gefürchtete Kolikform bei älteren Pferden ist der Darmverschluss durch ein Lipoma pendulans. Das ist eine gutartige Fettgewebszubildung, die bei Pferden ab 17 Jahren deutlich häufiger vorkommt als bei jüngeren. Diese gutartigen Tumoren hängen, wenn sie größer werden, in der Regel an einem längeren Stiel, der sich um einen Darmteil herumwickeln kann und dann ohne schnellen operativen Eingriff meist zum Absterben des Darms führt.

Bei Koliksymptomen gilt daher unabhängig vom Alter des Pferdes grundsätzlich: es handelt sich immer um einen Notfall und das Pferd sollte umgehend tierärztlich untersucht werden!

Fuchsfarbenes Pferd liegt mit Kolik auf Sandplatz und schaut zum Bauch

Eine Frage, die in diesem Zusammenhang häufig gestellt wird: „Soll ich mein altes Pferd denn noch operieren lassen?“ Das ist keine Frage, die sich einfach mit ja oder nein beantworten lässt, daher kann ich sie an dieser Stelle auch nur kurz anreißen. Denn die Antwort hängt von sehr vielen Faktoren ab, wie z.B. dem allgemeinen Gesundheitszustand des Pferdes, von anderen Erkrankungen, die möglicherweise das Narkoserisiko beeinflussen und von weiteren Faktoren.

Daher kann ich nur raten, sich über diese Frage ganz in Ruhe Gedanken zu machen. Am besten zusammen mit der betreuenden Tierärztin oder dem betreuenden Tierarzt. Denn im akuten Notfall muss es wie gesagt schnell gehen und dann ist es sehr hilfreich, wenn ich mir über grundsätzliche Fragen bereits vorab Gedanken gemacht habe.

Kotwasser

Auch Kotwasser kann grundsätzlich in allen Altersgruppen auftreten, die möglichen Ursachen sind vielfältig und oft nur schwer herauszufinden. Trotzdem ist es so, dass Kotwasser bei älteren Pferden vermehrt auftritt. Dabei scheint laut Studien auch hier die Futterzerkleinerung ein wichtiger Faktor zu sein. Da ältere Pferde häufiger Zahnprobleme haben, kommt es auch öfter zur Bildung von freiem Kotwasser. Hier sollte also zunächst bei der vermuteten Ursache, also den Zähnen angesetzt werden.

Wenn einfach zu wenig Zahnsubstanz da ist, um eine ausreichende Zerkleinerung des Raufutters zu ermöglichen, hilft es, auf eingeweichte Heucobs umzusteigen. Das bedeutet meist deutlich mehr Aufwand bei der Fütterung, beugt aber bei diesen Pferden nicht nur Kotwasser, sondern auch Verstopfungen vor bzw. hilft den Raufutterbedarf zu decken, wenn einfach nicht mehr genug Heu gefressen werden kann, um den Bedarf zu decken.

REM-Schlaf-Mangel

Ein weiteres Problem, das bei älter werdenden Pferden relativ häufig auftritt, ist der REM-Schlaf-Mangel. Häufig fällt im allgemeinen Sprachgebrauch noch der Begriff Narkolepsie. Das ist aber im Gegensatz zum REM-Schlaf-Mangel eine neurologische Erkrankung, die sehr selten Fällen und dann meist bei Fohlen auftritt.

Bei älteren Pferden können verschiedene Ursachen wie z.B. Schmerzen im Bereich des Bewegungsapparats, eine zu kleine Liegefläche oder ein rutschiger Untergrund, aber auch Veränderungen wie Stallwechsel oder der Verlust eines Kumpels dazu führen, dass sie sich nicht mehr hinlegen. Dadurch kommt es zu einem Mangel an REM-Schlaf-Phasen. Diese sind nämlich nur möglich, wenn sich die Muskulatur komplett entspannt, also im Liegen.

In der Folge kommt es dazu, dass betroffene Pferde im Stehen in eine REM-Schlaf-Phase geraten. Das kann von kurzem Einknicken im Stehen ohne komplettes Niedergehen bis hin zum vollständigen Kollabieren führen. Ist aber natürlich nicht erholsam, weil die Pferde dabei in der Regel sofort wieder wach werden.

Erste Anzeichen, die Du als Besitzer:in bemerken kannst, sind Verletzungen oder Narben an den Fesselgelenken der Vorderbeine oder den Karpalgelenken. Manchmal passieren diese Episoden aber auch während sich die Pferde z.B. beim Putzen entspannen. Es sind auch Einzelfälle beschrieben, wo es sogar in der Bewegung zum Kollabieren kam, was natürlich nicht ganz ungefährlich ist.

Wenn Du den Verdacht hast, dass Dein Pferd an REM-Schlaf-Mangel leidet, kann eine Kameraüberwachung sinnvoll sein, um die Diagnose zu bestätigen. Und dann sollte natürlich alles darangesetzt werden, den Auslöser zu finden und wenn irgend möglich zu beseitigen. Also, bei Schmerzen eine entsprechende Behandlung, die Liegefläche optimieren, für eine stressfreie Umgebung sorgen, usw.

Worauf also achten, wenn Dein Pferd 15 + ist?

Wenn Dein Pferd also älter wird – und wie gesagt, ab ca. 15 Jahren besteht ein erhöhtes Risiko für bestimmte Erkrankungen – solltest Du darauf achten, ob sich etwas verändert, insbesondere ob Symptome auftreten, wie sie oben bei den unterschiedlichen Erkrankungen genannt wurden. Wenn Du Dir nicht sicher bist, ob es sich einfach um normale altersbedingte Veränderungen handelt oder doch um Anzeichen einer Krankheit, hol Deine Tierärztin oder Deinen Tierarzt mit ins Boot. Gerade ältere Pferde können von einem regelmäßigen tierärztlichen Check-up profitieren.

Dabei meine ich vor allem eine klinische Untersuchung! Denn viele denken dabei direkt an eine Routine-Blutuntersuchung einmal im Jahr oder ähnliches. Und dazu ist wichtig zu wissen, dass Blutwerte bei bestimmten Fragestellungen, z.B. beim Verdacht auf eine bestimmte Erkrankung weiterhelfen können. Entweder um die Krankheit zu bestätigen oder auch um sie auszuschließen. Viele Probleme spiegeln sich aber in den Ergebnissen der Blutprobe gar nicht wider. Oder es bestehen leichte Veränderungen von Blutwerten ohne wirkliche klinische Relevanz, die aber durchaus teilweise zu großen Sorgen führen.

Daher empfehle ich immer, nur dann eine Blutuntersuchung einzuleiten, wenn ich eine bestimmte Fragestellung habe, bei der dies weiterhelfen kann. Und die Blutwerte dann als kleines Puzzleteil im Gesamtbild zu interpretieren – nicht als den wichtigsten Teil der Untersuchung.

Was also konkret tun? Zunächst: beobachten und dokumentieren. Ein kurzes Tagebuch – auch Fotos oder kurze Videos auf dem Handy – kann enorm hilfreich sein, weil sich Veränderungen, die sich schleichend entwickeln, sonst leicht dem Blick entziehen. Wer sein Pferd jeden Tag sieht, gewöhnt sich an Veränderungen, ohne sie bewusst wahrzunehmen. Da geht es uns Tierärzt:innen übrigens bei den eigenen Tieren auch nicht anders. 😉

Es kann deshalb sinnvoll sein, ab und zu jemanden mit Pferdeerfahrung – der Dein Pferd aber nicht jeden Tag sieht – um eine zweite Einschätzung zu bitten. Allerdings: Vorsicht vor zu vielen verschiedenen Meinungen. Die können schnell mehr verunsichern als helfen. Im Zweifelsfall gilt: lieber einmal mehr die betreuende Tierarztpraxis mit ins Boot holen als zu lange abwarten.

Hilfreich ist es außerdem, ein paar Basisparameter selbst regelmäßig zu überprüfen und zu kennen: das Allgemeinbefinden, Fress- und Trinkverhalten, Kotabsatz und Konsistenz, Herz- und Atemfrequenz in Ruhe. Das klingt nach viel, ist aber mit etwas Übung schnell zur Routine geworden – und Du bekommst so ein gutes Gefühl dafür, was für Dein Pferd normal ist. Und Abweichungen davon fallen Dir viel früher auf.

Vorbeugende Maßnahmen und optimales Management

Das Wichtigste gleich vorweg: individuell angepasste Haltung und Fütterung sind die Grundlage – und kein noch so ausgeklügeltes Nahrungsergänzungsmittel kann das ersetzen. Ich sage das so deutlich, weil ich in der Praxis regelmäßig Pferde sehe, bei denen eine ganze Reihe von Zusatzfuttermitteln im Stall stehen, während die Basics – Haltung, Raufutter, Bewegung – nicht stimmen.

Die so genannte „Supplementiasis“ (den Begriff hat eine sehr geschätzte Kollegin geprägt, und er ist treffend) hilft dem Pferd nicht weiter, wenn das Fundament fehlt. Und noch etwas: nicht jedes ältere Pferd braucht plötzlich mehr oder gefühlt dutzende Ergänzungsfuttermittel. Bedarfsgerecht bedeutet eben: was das individuelle Pferd in seiner aktuellen Situation braucht. Wer pauschal draufschüttet, züchtet sich unter Umständen neue Probleme – zum Beispiel eine Überversorgung mit bestimmten Inhaltsstoffen oder eine problematische Gewichtszunahme.

Wenn eine Erkrankung diagnostiziert wurde, gilt: Therapie nach Anweisung der Tierärztin oder des Tierarztes – und nicht nach Stallnachbar, Internet-Forum oder gut gemeintem Rat. Das schließt auch die regelmäßige Kontrolle ein, ob die eingeleiteten Maßnahmen die gewünschte Wirkung zeigen.

Bei Equinem Asthma ist die Haltungsoptimierung kein optionaler Bonus, sondern ein zentraler Teil der Behandlung: so wenig Staub wie möglich. Das bedeutet konkret: gut belüfteter Stall, staubarme Einstreu (z.B. Späne statt Stroh), eingeweichtes oder bedampftes Heu oder Heulage, adäquate Bewegung. Zusätzlich kann eine regelmäßige Inhalation – zum Beispiel mit physiologischer Kochsalzlösung – die Atemwege unterstützen. Sie kann aber auf keinen Fall suboptimale Haltungsbedingungen wettmachen und ist daher immer nur eine ergänzende Maßnahme.

Ein weiteres Thema, was das Management angeht: die Thermoregulation. Ältere Pferde können ihren Wärmeverlust schlechter kompensieren, besonders wenn sie eher dünn oder schlecht bemuskelt sind. Eine gut sitzende Decke im Winter – die wirklich passt und nicht scheuert – kann helfen, Energie zu sparen, die das Pferd sonst fürs Wärmen bräuchte.

Zur Ernährung: viele Freizeitpferde – auch ältere – kommen mit Heu guter Qualität und einem bedarfsgerechten Mineralfutter hervorragend aus. Im Winter ist ein Vitaminzusatz häufig sinnvoll. Wenn das Kauen eingeschränkt ist, muss das Raufutter angepasst werden – eingeweichte Heucobs sind dann eine gute Möglichkeit, den Raufutterbedarf zu decken und gleichzeitig Verstopfungen und Kotwasser vorzubeugen. Und Wasser: bitte immer frisch, ausreichend und im Winter nicht eiskalt.

2 Pferde fressen in Ruhe nebeneinander Heu guter Qualität

Zum Thema Bewegung: regelmäßig und moderat ist besser als selten und intensiv. Das gilt für ältere Pferde noch mehr als für junge. Bei Herzerkrankungen, bei denen das Pferd laut tierärztlicher Beurteilung noch belastet werden darf, ist ein gleichmäßiges Training auf ähnlichem Niveau sinnvoll – der Herzmuskel ist ein Muskel, und auch er profitiert von regelmäßigem, dosiertem Training. Bei Equinem Asthma ist regelmäßige Bewegung sogar wichtiger Teil der Therapie, ausgenommen natürlich in Phasen mit akuter Atemnot. Klare Grenzen für das Reiten bestehen bei Schmerzen oder deutlichen Lahmheiten sowie bei bestimmten Herzerkrankungen, bei denen das Risiko eines plötzlichen Zwischenfalls zu hoch ist – das besprichst Du am besten individuell mit Deiner Tierärztin oder Deinem Tierarzt.

Zum Schluss ein Thema, das nicht so leicht ist – aber wichtig

Zum älter werdenden Pferd gehört auch ein Thema, das ich hier nicht ausklammern möchte, auch wenn es kein leichtes ist: der letzte Weg. Wann ist der richtige Zeitpunkt? Wie soll das ablaufen? Und wie treffe ich diese Entscheidung, wenn es so weit ist?

Meine klare Empfehlung: Beschäftige Dich damit, bevor es akut wird. Wer sich in einer Notfallsituation oder mitten in einer emotionalen Ausnahmesituation zum ersten Mal mit diesen Fragen auseinandersetzen muss, dem wird die Entscheidung deutlich schwerer fallen. Wer vorher darüber nachgedacht hat – vielleicht sogar klare Entscheidungsrichtlinien dazu aufgestellt hat – kann im entscheidenden Moment handeln, ohne sich hinterher fragen zu müssen, ob es das Richtige war.

Deine Tierärztin oder Dein Tierarzt des Vertrauens ist auch hier die richtige Ansprechperson – nicht erst, wenn die Situation drängt, sondern gerne auch schon früher für ein ruhiges Gespräch. Was sind Kriterien, die darauf hinweisen, dass die Lebensqualität dauerhaft nicht mehr ausreichend ist? Welche Möglichkeiten gibt es? Was passiert dabei genau? Das sind Fragen, auf die es Antworten geben kann und geben sollte – und zwar von jemandem, der Dein Pferd und seine Geschichte kennt.

Zu wissen, wann wir loslassen dürfen – und dass wir es dürfen – ist eines der größten Geschenke, die wir unseren Pferden machen können. Und eines, das besser funktioniert, wenn wir uns trauen, rechtzeitig hinzuschauen.

Fazit: Was brauchen ältere Pferde?

Ältere Pferde brauchen aufmerksame Besitzer:innen, die wissen, worauf es ankommt. Ab einem Alter von etwa 15 Jahren steigt das Risiko für bestimmte Erkrankungen deutlich an. Manche davon entwickeln sich schleichend und bleiben lange unbemerkt. Früherkennung macht hier einen echten Unterschied: nicht, weil sich dann alles heilen lässt, aber weil ein frühzeitiges, gut abgestimmtes Management den Verlauf deutlich positiv beeinflussen kann – oft bis hin zur Symptomfreiheit.

Die wichtigsten Punkte zusammengefasst:

  • Beobachte Dein Pferd regelmäßig und lerne, was für es normal ist – dann fallen Abweichungen früher auf.
  • Hole Dir bei Veränderungen, die Dich verunsichern, frühzeitig tierärztliche Unterstützung, anstatt abzuwarten.
  • Regelmäßige klinische Untersuchungen sind sinnvoller als Routineblutbilder ohne spezielle Indikation.
  • Haltung und Fütterung sind die Basis – und die individuelle Anpassung v.a. der Raufutterration ist weit wichtiger als jedes Zusatzfuttermittel.
  • Regelmäßige, dosierte Bewegung ist in den meisten Fällen ebenfalls wichtiger Baustein zur Gesunderhaltung.

Ich wünsche Dir eine tolle Zeit mit Deinem älter werdenden Pferd und dass es noch etliche möglichst gesunde Jahre erleben darf – mit Deiner Unterstützung!

Hey, ich bin Nora,

… Fachtierärztin für Pferde mit den Herzensthemen Pferdekardiologie + Innere Medizin.

Ich unterstütze sowohl Pferdebesitzer:innen als auch tierärztliche Kolleg:innen mit fundiertem Hintergrundwissen und meiner langjährigen Erfahrung in diesem Bereich. Damit sie Antworten auf offene Fragen finden und ihre Pferde bzw. Patienten optimal begleiten können.

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